BLUTIGES HEIMAT von Juliane Kann

Uraufführung

Maxim Gorki Theater Berlin


Kritiken »Blutiges Heimat«

WUT UND BODEN
Uraufführung von Juliane Kanns »Blutiges Heimat« im Berliner Maxim Gorki Theater

von IRENE BAZINGER

Frankfurter Allgemeine Zeitung,
8. April 2006 »Uraufführung von Juliane Kanns »Blutiges Heimat« im Berliner Maxim Gorki Theater Ein Kaff, so abseitig, isoliert und böse, wie man es sich am Schreibtisch nur ausmalen kann. Keiner kommt unbeschadet hinein, keiner lebend heraus. Die Männer sind grobe Klötze, die Frauen die entsprechenden Keile dazu. Ewig quieken die Schweine im Stall, indes die herzlosen, triebhaften Hinterwäldler, arme Schweine auch sie, sich in einer derb- ausgepichten Kunstsprache suhlen: «Mir schleckt das Zung nach noch mehr Bier. Hat es doch kräftig Frauen hier, und keine schäfft es nachzuschieben?»Mit derlei verbalen Tarnmanövern hält sich Juliane Kann in ihrem ersten Stück «Blutiges Heimat» die Klischees vom Dramenleib, in die sie ihn zuvor systematisch und dick eingewickelt hat. Arg durchsichtig wirkt das rustikale Unsittengemälde der 1982 in Mecklenburg geborenen Autorin trotzdem, woran ein paar deftige Brutalitäten samt spritzenden Körpersäften nichts ändern. Bei der Uraufführung im Studio des Berliner Maxim- Gorki- Theaters hingegen geht es eher stillebenhaft und trocken zu. Auf der weißen Bühne glänzt hinten lediglich eine stählerne Querstange mit Fleischerhaken. Und vorde das Messer, mit dem Willem, Besitzer eines Schweinemastbetriebes, bei einem Fest ein gehäutetes Tier zerteilt und dabei von der Notwendigkeit redet, die Lohnkosten zu senken. Ringsherum verharren die Dorfbewohner in kaltem Zorn, völlig von ihm als einzigem Arbeitgeber und reichstem Mann der Gegend abhängig. Seine Beliebtheit steigert die Tatsache ebenso wenig wie seine – im Vergleich zu den anderen deutlich höhere – Niedertracht und Grausamkeit. In ihrer ersten großen Inszenierung verzichtet Susanne Chrudina auf jedes bäuerliche Ambiente wie Wald- und- Wiesen- Folklore. Ganz im Sinne der Autorin, die sich einen«Kunstraum, überall denkbar» und im Heute gelegen, gewünscht hatte, findet die Aufführung in einem eng begrenzten Niemandsland statt. Dort sind sämtliche Personen fast ständig anwesend. Ehebruch, Eifersucht, Inszest, Missbrauch, Mord, Abtreibung, Hass und nachte Gewalt in mannigfachen Varianten: Dieses Pack schlägt sich, aber es verträgt sich nicht. Alle wissen alles von allen, ohne einander deswegen zu kennen. Obwohl die Figuren mehr Holzverschnitten als Holzschnitten ähneln, gibt Susanne Chrudinas sachlich- klares Konzept den Schauspielern genug Luft und Platz und Freiheit, um auf dem literarischen Reißbrett – Juliane Kann studiert seit 2004 an der Berliner Universität der Künste «Szenisches Schreiben» - nicht ständig auszurutschen. Vordergründige Effekte verkneift sich die junge Regisseurin zugunsten genauer Blicke ins Milieu. Wenn etwa Julian Mehne sich als wilder Willem über eine Angestellte hermacht, stülpt er ihr erst einmal den Rock über den Kopf, denn lieber wäre ihm die laszive Eva, die von ihm allerdings nichts wissen will. Später kriegt er sie schließlich doch in sein Haus, wo er ihr, als sie für seinen Geschmack zu frech wird, bei einem Kuss einfach die Zunge aus dem Mund reißt. Evas Tochter Katja wird die Schändung der Mutter rächen und ihn, ohne mit der Wimper zu zucken erstechen. Danach gehört ihr zumindest für einige Momente die Welt. Passierte bisher alles unter Gruppenaufsicht, steht Julia Philippis Katja jetzt allein auf der Schlachtbank und grölt, aufgekratzt wie eine sigestrunkene Seeräuber- Jenny, aus voller Kehle: «Im Sande keimt ein Wiesen / Das Blut noch unterm Schuh». Wo man so singt, da lass dich besser nicht nieder. Geschickt bringt Susanne Chrudina damit die ganze Schweinerei zu Ende und «Blutiges Heimat» auf den Nullpunkt der Geschichte – alt ist der Boden, frisch die Wut. «

EINFACH SCHÖN »Vorhang« Berliner Ensemble und Gorki Studio
von INGE BONGERS,

RBB Radio Berlin 88,8,
Sonntag, 9.4.06, 10:20 Uhr
»Anmod.:»… Inge Bongers hat in dieser Woche über zwei Theater- Premieren unterschiedlichen Kalibers zu berichten: Eine kleine, bescheidene im Studio des Maxim Gorki- Theaters, und eine gewohnt üppige im BERLINER ENSEMBLE. (…)

Zwischenfrage:Großer Aufwand mit bescheidener Wirkung am Berliner Ensemble. Wie sah’s denn dann im kleinen Studio des Maxim Gorki- Theaters aus?

Ganz überraschend. Da gab’s die Uraufführung einer sehr jungen Autorin: Juliane Kann ist Jahrgang 1982, also gerade mal um die 24; sie studierte „Szenisches Schreiben“ an der Berliner Universität der Künste, und beim letzten Theatertreffen konnte man ihr Stück «Blutiges Heimat» schon mal bei einer szenischen Lesung kennen lernen. So grammatikalisch kühn wie der Titel ist die gesamte Sprache – ein Kunstgriff, der die Dumpfheit und Geschlossenheit einer kleinen, verschworenen Dorfgemeinschaft kennzeichnen soll: Jeder kennt hier jeden, fast könnte man auch meinen, jeder hat was mit jedem: Hier hat jeder seinen Hintern, heißt das in der Dorfsprache drastisch einleuchtend. Aber vor allem hat der Chef des Schweinemastbetriebs das Sagen: Er heuert und feuert – und er nimmt sich – auch sexuell – was er kriegen kann. Da geht’s natürlich nicht zimperlich zu: Die Fleischfetzen fliegen, die Schlachtermesser blitzen, am Ende trieft das Blut von allen Schürzen, Kitteln, Kutten. Die Regisseurin Susanne Chrudina hat das mit einer jungen, eindrucksvollen Truppe sehr stilisiert – wie’s die Sprache anbietet – inszeniert; auf der kleinen, spärlich angedeuteten Bühne, bei der eigentlich immer fast alle anwesend sind, auch wenn sie nicht «dran» sind. Das Stück ist roh, dem Zuschauer wird manches zugemutet, dass er sich vielleicht lieber ersparen würde. Aber es hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck: Nicht nur, weil durch die Bank lauter aufregende Schauspieler verblüffende Momentaufnahmen zeigen; auch die Autorin empfiehlt sich nachhaltig als eine ungewöhnliche, zeitgemäße und eigenständige Nachfolgerin etwa der Marieluise Fleißer oder dem frühen Franz Xaver Kroetz. Ich denke, es lohnt sich, auf sie aufmerksam zu schauen – nicht nur für kritische Zuschauer, sondern sicher auch für neugierige Theaterleute. «