WELCHE DROGE PASST ZU MIR von Kai Hensel


Theater Osnabrück, emma-theater


Premiere im Juni 2007

Kritik

»Für jeden der richtige Rausch«
Von Bastian Beisheim

Neue OZ, 07.06.2007 »Darstellerin, Bühne und Publikum werden zu einer untrennbaren Einheit: Dieses Kunststück ist dem Theater Osnabrück mit «Welche Dorge passt zu mir?» gelungen. Am Dienstag hatte das Stück im Gymnasium Carolinum Premiere. Hanna hat sie alle gehabt, die Drogen. Ecstasy, Kokain, LSD und Haschisch sind der wohlsituierten Ehefrau und Mutter mehr als nur ein Begriff. Das Gute: Jedes Rauschmittel lässt sich für einen ganz eigenen Zweck einsetzen. Besser: Hanna weiß genau, wie das geht. Und das Beste: Sie möchte es anderen beibringen. «Welche Droge passt zu mir?», ein Ein-Personen-Stück von Kai Hensel, ist denn auch als «eine Einführung» untertitelt und wird im Klassenzimmer aufgeführt - sodass sich das Theater Osnabrück zur Premiere im Gymnasium Carolinum einquartierte. Dabei sollte sich unter der Regie von Susanne Chrudina als spektakulärer Trip entpuppen, was sich zunächst als nur bieder-böser Monolog tarnt. Denn Monolog klingt viel zu steif für das, was Anja Jacobsen als Hanna bietet. Manisch marschiert sie durch das von Ima Elisabeth Thume überzeugend ins Klassenzimmer eingepasste Bühnenbild, verteilt zwischen Aerobic-Stepper und Nachttischlampe Pillenproben und Weisheiten: «Drogen nehmen wir nicht für uns, sondern für andere. Für Menschen, die wir lieben.»Tatsächlich bedient Hanna sich des ganzen Drogenkarussells, um die kleinen Widrigkeiten des Alltags zu bestehen; der gehänselte Sohn, der indifferente Ehemann, die argwöhnische Nachbarin - sie alle fordern Gemütszustände, die Hanna ohne Rausch nicht aufbringen kann. Und spätestens wenn sie auf dem Fitnessgerät rennt, ohne voranzukommen, weiß man nicht mehr, ob man sich vor ihrem starren Grinsen fürchten soll oder sie aufgrund ihres rauschverwirrten Lächelns schützend in den Arm nehmen möchte. So verschmelzen nicht zuletzt aufgrund der Enge des Klassenzimmers Schauspielerin, Bühne und Publikum zu einer unzertrennlichen Einheit. Der Zuschauer kann und darf sich dem Verfall nicht entziehen. Denn die moralische Komponente eröffnet sich erst im Miterleben: Wenn zuletzt Hannas Haare zerzaust sind, sie nur noch im Nachthemd bekleidet den Entzug durchzittert, wenn die Bühnendekoration in Fetzen liegt und es heißt: «Jetzt ist es an der Zeit, über Nebenwirkungen zu reden», dann macht sich auch im Zuschauerraum Atemlosigkeit breit. Und vielleicht ist ja genau das - um der Moral zu folgen - die Antwort, wenn Hanna fragt: «Warum gelingt es uns nicht, das Wilde in unseren Alltag zu integrieren?» Weil uns manchmal einfach die Luft wegbleibt. «

Radio Ostfriesland,
Rundfunkbericht vom 18.06.2007 » Der Autor Kai Hensel, 1965 in Hamburg geboren, bekannt als Drehbuchautor für zahlreiche Shows, Serien und Spielfilme, z.B. KISMET, VERHÄNGNISVOLLE DIAGNOSE oder DER TAG AN DEM BOBBY EWING STARB, schrieb 2003 das beeindruckende Stück WELCHE DROGE PASST ZU MIR? Diese Frage macht neugierig? Zu Recht. Ein überraschender Anfang und ein befürchtetes Ende begleiten dieses Stück. Die selbst zerstörende Ironie des Satzes «Wer Drogen nimmt, tut es für die anderen!!!» wird im Laufe der Vorstellung nur zu deutlich in dem Aufschrei gemacht: «Ich habe nie gelernt NEIN zu sagen!» Die junge Schauspielerin Anja Jacobsen verkörpert so überzeugend in ihrer schauspielerischen Leistung den freundlichen, an die Nerven gehenden freundlichen Menschen, der ja ach so lieb ist. Aber dieses „Liebsein“ funktioniert nicht mehr so richtig. Was hilft??? «Welche Droge passt zu mir?» Ganz nebenbei wird der Zuschauer auf eine qualifizierte Weise über Zusammensetzung, Wirkung, Dauer, Körperhygiene oder Nebenwirkung der einzelnen Drogen informiert. «Ich bin erwachsen, ich brauche keine Drogen.» Dieser Satz fällt vor den Augen der Zuschauer in sich zusammen. Was bleibt ist ein Bündel Mensch mit Träumen und Sehnsüchten. Auf den erhobenen Zeigefinger werden Sie warten müssen, wohl aber werden Sie in leisen Tönen zum Nachdenken über einen Ausweg mitgenommen. Ein bemerkenswerte Gesamtleistung von Regie, Susanne Chrudina, Ima E. Thume, Kostüme und Bühne und der Dramaturgie, Nina Brachmann. Es ist zu hoffen, dass viele Schulen ihren Schülern, ab 14 Jahren, ermöglichen mit diesem Stück das brisante Thema Suchtprävention zu bearbeiten. «